Die grau melierte Dame nimmt Anlauf, geht in die Hocke, stoppt abrupt, schwingt den Arm nach vorn - und entlässt die Kugel auf das blank gewienerte Holz. Ruhig zieht sie ihre Bann, dann scheppert's ordentlich.
"Mensch Uschi, gut gemacht", rufen die Mannschaftskollegen aus dem Hintergrund aufmunternd. Mit ihrem 163. Wurf hat Ursula Gölker vom SV Leipzig 1910 soeben einen Volltreffer gelandet. Naja, beinahe zumindest. Zwei Kegel stehen noch. Sei's drum, in den folgenden 30 Stunden bleibt für die Sportlerin noch ausreichend Zeit, auch einmal alle Neune aus dem Weg zu räumen.
Mit ihren 68 Jahren ist Ursula die älteste von insgesamt 54 sächsischen Kegel-Enthusiasten, die sich an ein ganz besonderes Experiment wagen. Die Startglocke dazu läutete gestern pünktlich um 8 Uhr, der Schlussgong soll heute um 21 Uhr ertönen. Wenn alles nach Plan läuft, haben die 23 teilnehmenden Frauen und 31 Männer dann einen Rekord gebrochen - und einen Eintrag im Guinness-Buch ziemlich sicher. Denn einen Kegel-Marathon über 37 Stunden, so etwas gab es in der Geschichte dieses Sports noch nie.
"Wir wollten mit unserem Rekordversuch vor allem für ein bisschen mehr Aufmerksamkeit sorgen", meint Armin Minde von den Sportkeglern 1990 Markranstädt, dem veranstaltenden Verein. Schließlich sei der sächsische Kegelverband die dritt-größte Sportvereinigung im Freistaat. Allerdings werde davon, so der 44-Jährige, viel zu wenig Notiz genommen. "Zu Unrecht werden wir oftmals als Kneipensportler abgetan." Die Folge seien unter anderem Nachwuchsprobleme.
Aber auch hier bestätigt die Ausnahme die Regel: Denn Juliane Reiser ist erst 20 Jahre alt. Gestern, so gegen halb vier, hat die Fachinformatikerin, die bereits als 10-Jährige zum Kegeln kam, bereits "zwei Runden weg". Sieben bis acht Durchläufe à 100 Wurf (50 Volle, 50 Abräumer) stehen noch aus. Zeitlimit pro Runde: 40 Minuten.
So richtig begeistert ist die Sportlerin vom SV 1910 Leipzig von ihrem bisherigen Abschneiden jedoch nicht. "So lala", antwortet Juliane auf die Frage, wie's läuft. "Die Kullern sind sehr glatt, anfangs hatte ich tierische Probleme." Um die gesamten 37 Stunden durchzuhalten hat sie extra an ihrer Kondition gefeilt. "Deswegen bin ich optimistisch, dass ich durchhalten werde." Ein bisschen mulmig ist ihr dennoch zu Mute, wenn sie an die kommende Nacht denkt. "Wenn die Zuschauer weg sind und es hier ruhiger zugeht, kann schnell der Mann mit dem Hammer kommen." Aber, meint die Leipzigerin, dann müsste man eben die Musik lauter machen. "Außerdem haben wir im vergangenen Jahr schon einmal erfolgreich geprobt".
Um auf dem Weg inRichtung Guinness-Buch nicht auf der Nase zu landen, haben die Veranstalter die Rekordjagd generalstabsmäßig vorbereitet und nichts dem Zufall überlassen. Über 36 Stunden ging der Testlauf 2004 - "einfach um zu sehen, ob so ein Marathon überhaupt in die Tat umzusetzen ist", meint Minde. Die Probe glückte, es waren nur zwei Ausfälle zu beklagen. "Der eine hatte Krämpfe, der andere einen leichten Muskelfaserriss." Damit bis heute Abend um 21 Uhr niemand zu Schaden kommt, betreuen Sanitäter vomDeutschen Roten Kreuz und ein Physiotherapeut die Marathon-Kegler. Und: Alkoholkonsum ist strengstens verboten, Tabak nur in Maßen gestattet.
Im September dann nahm Minde Kontakt zum Guiness-Komitee mit Sitz in London auf, erläuterte per Antrag das Vorhaben. "Natürlich habe ich vorher alles ins Englische übersetzen lassen." Die Antwort kam promt, die Gralshüter aller Bestmarken gaben ihr Einverständnis. Offizielle Registrierungsnummer des Markranstädter Kegelmarathons: WC 14 15 39.
Kann da noch etwas in die Hose gehen? "Sportlich glaube ich nicht." Minde gibt sich zuversichtlich, bislang läuft alles wie am Schnürchen. Und um zu verhindern, dass zu späterer Stunde die Lebensgeister der Langstreckenkegler erschlaffen, hat sich der 44-Jährige etwas Besonderes ausgedacht. Eine Cheerleadergruppe soll müde Männer wieder munter machen. Und den Keglern weiblichen Geschlechts will das Männerballett Markranstädt Beine machen. Bleibt nur noch die Angst vor einem Stromausfall. Und vor den Briten. "Letztlich kann uns nur noch das Londoner Komitee einen Strich durch die Rechnung machen." Aber dann müssten die schon ziemlich schlechte Laune haben oder überhaupt keinen Platz mehr im Guinness-Buch, lacht Armin Minde.